Stolz und Vorurteil

Wer kennt es nicht? Das gleichnamige britisch-französische Filmdrama oder gar das Originalbuch von Jane Austen (Originaltitel: Pride & Prejudice). Doch um die Selbsterkenntnis der Hauptdarsteller soll es in diesem kleinen Artikel nicht gehen. Hier geht es um uns persönlich. Und wir kennen doch alle unsere eigenen schnellen Urteile über dämliche Autofahrer, dumme Kassiererinnen oder billig bekleidete Mädchen. Sie nicht? Dann kennen Sie vielleicht die arrogante Nachbarin, die oberlehrerhafte Kollegin oder den stinkfaulen Partner. Auch nicht? Wie wäre es mit dem gepiercten Chaot vom 3. Stock, dem schmierigen Verkäufer oder dem geschwätzigen Friseur? Oder vielleicht auch den feigen, schwachen Vater, die manipulierende, lästernde Mutter oder den cholerisch, aggressiven Chef? Leute die so ganz anders sind wie wir selbst sind (oder sein wollen). Irgendwer von denen hat Sie sicher schonmal (vor)urteilen lassen - laut oder leise, kurz oder länger, ob Sie bewusst wollten oder nicht. Was löst das in uns aus und wie fühlt man sich dabei? Was geht beim Bewerten und Urteilen da in unseren Gedanken vor sich? Und wozu könnten genau diese "nervigen" Menschen für uns selbst gut sein?

Was löst das in uns aus?

 

Es gibt keinen Menschen ohne gedankliche Vorlieben, Neigungen und Bewertungsmaßstäbe. Diese haben wir durch unsere Erziehung und Vorbilder erlernt. Gute Manieren, höflicher Umgang, richtiges Verhalten - je nachdem was uns vorgelebt wurde. Dazu kommen unsere emotionalen Überzeugungen, Prägungen und Haltungen zu - für uns - wichtigen Themen, z.B. Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeitssinn, Einsatzbereitschaft, Ordnungsliebe, Mitgefühl usw. - die Begegnung mit anderen Menschen löst Übereinstimmung oder Unterschied im denken und fühlen aus.

 

Was geht beim bewerten vor sich?

 

Menschen die unsere Vorlieben und Neigungen nicht teilen, beschenken wir gern mit einem "Kopf schütteln" oder einem mitleidigem Blick. Vielleicht auch mit einem kernigen Schimpfwort z.B. im Straßenverkehr. Menschen aber, die unsere emotionalen Überzeugungen und Prägungen unangenehm berühren, trifft unsere eigene emotionale Reaktion, z.B. Wut, Aggression, Verachtung, Verleumdung oder Hass entweder gedanklich, mit Worten und/oder Taten. Dann kommt es uns so vor, als sind diese "dummen" Menschen dafür verantwortlich. Das sind sie auch solange, bis wir erkennen, dass wir für unsere Reaktionen selbst verantwortlich sind, weil das Verhalten anderer Menschen nur Gefühle in uns hervorrufen kann, die bereits in uns vorhanden sind. Manchmal brauchen wir dafür länger. Manchmal müssen uns die gleichen "dummen" Menschen an der gleichen Kreuzung sehr oft begegnen, bevor wir das Muster wirklich hinterfragen.

 

Wozu könnte das Leben genau dieser "nervigen" Menschen für uns selbst gut sein?

 

Für nichts! Diese Leute nerven einfach nur... oder? Ja, manchmal scheint es so zu sein. Aber jedesmal wenn wir uns fragen, was genau uns da trifft (wenn es uns trifft, betrifft es uns ja offensichtlich), können wir sehr viel Freiheit gewinnen. Unsere Urteile können uns zunächst klar machen, das wir gedanklich im Vergleich leben, in Konkurrenz. Wir bemerken, dass unser "Ich bin Ich" ganz schön leicht angetriggert werden kann. Oder das wir damit beschäftigt sind, uns ein eigenes Profil zu geben welches schlauer, korrekter oder besser sein will als andere Menschen es sind - ein postives Bild von uns, welches wir selbst so annehmen können. Und wir könnten dann entscheiden, genau darauf mehr und mehr zu verzichten, um authentisch zu leben, statt die Welt in gut, böse, richtig und falsch zu unterteilen. Das lohnt sich aus einem einfachen Grund: Je weniger wir urteilen, desto mehr leben wir im Frieden. Und dies hat seinen eigenen Lohn für unsere Gesundheit, unseren Körper, unsere Seele und alle Menschen um uns herum. In diese Richtung zu gehen wird leicht, sobald wir begreifen, dass all unsere Urteile über andere, letztlich Urteile über uns selbst sind.

 

So wie in einem einzigen Tropfen Wasser alle Informationen aller Meere enthalten sind, sind auch in jedem Menschen alle Eigenschaften aller Menschen enthalten. Kleine Veränderungen des persönlichen Umfelds, der Kultur oder der erfahrenen Prägung hätten genügt und wir würden so handeln können, wie die Menschen die wir beurteilen. Nicht zwangsweise und nicht in jedem Detail oder jeder Facette - aber grundlegend sind wir alle fähig zu lieben oder zu hassen. Auch wenn diese Tatsache unserem Verstand nicht so gut gefällt. Er mag sich nicht vorstellen irgendwo in Afghanistan augewachsen zu sein. Um dann mit 9 Jahren selbstverständlich als bewaffneter Jungsoldat in den Krieg gezogen zu sein, statt in der Geschwister-Scholl Grundschule Heimatkunde gelernt zu haben. Wer von uns hat sich das ausgesucht? Je härter unser Gericht nach außen ist, desto härter sind wir innerlich zu uns selbst. Vielleicht handeln wir bereits so wie die, die wir beurteilen oder verachten und können es noch nicht erkennen. Das gilt natürlich auch für Menschen und Bereiche die wir bewundernd oder glorifizierend bewerten - auch deren Eigenschaften und Möglichkeiten sind grundsätzlich in uns angelegt.

Viele Menschen versuchen auf Ihrem Lebensweg jene Dinge die sie ablehnen, z.B. Dummheit oder Gewalt, zu bekämpfen. Wie eine Beweislast überzeugen sie sich selbst davon und engagieren sich dafür "anders" zu sein oder die Welt zu verbessern, häufig ohne dass ihnen diese unsichtbare Antriebskraft hinter dem eigenen Lebensmotto wirklich bewusst ist. Sie wollen es sich oder anderen beweisen: "Ich bin intelligenter, hilfbereiter, erfolgreicher oder schlauer als andere" oder "Wie dumm, das würde mir nie passieren" oder "die gewalttätigen Tierquäler sollte man alle quälen". Solange wir die offensichtliche Überheblichkeit in uns selbst nicht sehen, fehlt uns die Demut zu erkennen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Solange wir uns selbst nicht so annehmen können wie wir sind, solange bekämpfen wir die Dinge die wir an anderen verachten mit der gleichen Energie, die immer mehr von dem schafft was wir verachten. Selbsterkenntnis ist der Anfang von Weisheit, Frieden und Freiheit.

 

Echte Veränderung beginnt immer in uns selbst. Hier geht es darum alle Teile anzunehmen, ganz zu werden und sich vom bewerten zu lösen. Haben Sie Fragen? Für die Überprüfung von Grundüberzeugungen oder den Weg zu sich selbst; für die Überwindung von Blockaden oder dem erreichen Ihrer Ziele begleite ich Sie gerne. Nehmen Sie Kontakt auf. Ich biete Einzelcoaching, Coaching via Skype, Telefon und E-Mail.

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